Quickshot - Schnellschuss vom 13.08.2003 Quickshot-Index

Catherine Clément: Theos Reise

Roman über die Religionen der Welt

Wenn man mich darum bitten würde, ein Jugendbuch zu nennen, das ich keinem Jugendlichen empfehlen würde, dann wäre es dieser 700seitige Wälzer, der sich bemüht, über eine konstruierte Rahmenhandlung nach und nach die wesentlichen Religionen der Welt abzuklappern.

Als Erzählvehikel dient eine Reise, die die in vergleichender Religion nahezu allwissende und häufig irritierend herablassende Tante Marthe mit dem schwammartig wissbegierigen Jungen Theo unternimmt.

Die didaktische Absicht ist sicher lobenswert und könnte kulturbeflissene Eltern dazu verleiten, dieses Buch einem jugendlichen Opfer unter den Weihnachtsbaum oder auf den Konfirmandentisch zu legen. 

An der Sachkenntnis der Autorin besteht kein Zweifel. Von einem Mangel an relevanten Informationen kann nicht die Rede sein – nur von deren Überfülle. Genauso nervtötend ist der bemüht muntere Ton, in dem einem das alles untergejubelt wird. Politische und historische Bezüge und Querverweise – konsequenterweise findet sich hinten ein Stichwortverzeichnis – kommen in dem Entzyklopenschmöker ebenfalls nicht zu kurz.

Hier eine Kostprobe:

... Einer der Meister des Synkretismus war Mahatma Gandhi, der nie ohne seine drei heiligen Bücher aus dem Haus ging: den Koran für den Islam, das Neue Testament für das Christentum und die Bhagavadgita für den Hinduismus.
    "Die was?", fragte Theo. "Kenn ich nicht."

Das kann die gute Tante natürlich nicht widerspruchslos hinnehmen. Belehrend fällt sie ein:

   Doch, er kenne sie. Sie entstand in dem entscheidenden Moment, als der Gott Krishna sich dem Menschen Arjuna in seiner ganzen göttlichen Wahrheit offenbarte, um ihn davon zu überzeugen, seine Pflicht zu erfüllen. Da Arjuna Krieger war, bestand seine Pflicht darin, zu kämpfen.

Nun fällt bei dem Kleinen doch der gewünschte assoziative Groschen:

   "Jetzt erinner ich mich", sagte Theo. "Das alles für den Krieg. Und Gandhi benutzte sie? Das Neue Testament und der Koran, das geht ja noch, aber die Bavardadjitta ..."

Wieder wackelt die Tante manisch mit dem Zeigefinger:

   "Bhagavadgita!", korrigierte Tante Marthe. "Aber du kannst auch einfach nur Gita sagen."

Über diese Erlaubnis von hochkompetenter Stelle wird sich die gute alte Gita sicher ungeheuer freuen.

J.B.

Die Autorin Catherine Clément, 1939 in Paris geboren, hat Philosophie studiert, war bis 1964 als Lehrerin und danach vierzehn Jahre als wissenschaftliche Assistentin an der Sorbonne tätig. Später u.a. Kulturredakteurin für "Le Matin". Ausgezeichnet mit mehreren Literaturpreisen.

Trotz allem nicht abgeschreckt? Das Buch, mit schönem Titelbild von Quint Buchholz und in edles Halbleinen gebunden, ist 1999 im Hanser Verlag erschienen und im Buchhandel oder Online-Buchhandel erhältlich, z.B. bei Amazon.
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