Quickshot - Schnellschuss vom 09.06.2004 | Quickshot-Index

Zum 200. Geburtstag von George Sand

George Sand – Schriftstellerin, Bürgerrechtlerin, Frau mit Esprit

Von Armin Strohmeyr

Der Philosoph Proudhon beschimpfte sie als "Symbol der Unmoral und des Niedergangs", die Brüder de Goncourt nannten ihre Autorenkollegin eine "Fratze aus einem etruskischen Grab". Kaum eine Gestalt der französischen Geistesgeschichte wurde ähnlich von Klischees und Vorurteilen umstellt wie George Sand. Neid auf ihre Erfolge und Verstörung durch ihre Übernahme traditionell männlicher Accessoires und Verhaltensmuster mögen dazu beigetragen haben.
Am 1. Juli 1804 wurde die französische Schriftstellerin George Sand geboren. Aurore Dupin, wie sie eigentlich hieß, war Tochter eines Offiziers (der Ururgroßvater war kein Geringerer als August der Starke von Sachsen) und einer einfachen Frau aus dem Volke. Die Abstammung aus unterschiedlichen Klassen wurde prägend für das gesellschaftliche Selbstverständnis der Schriftstellerin.

Romantikerin und Radikale

George Sand wurde mit Liebesromanen bekannt. Doch zunehmend wandelte sich die Autorin zu einer der schärfsten Anklägerinnen der sozialen und politischen Verhältnisse im Frankreich der Restauration. In den Jahren vor der Revolution von 1848 radikalisierte sich ihr Denken. Entscheidend hierzu trug die Bekanntschaft mit Sozialreformern, Philosophen und Revolutionären jeglicher Couleur bei. Sie kannte den in Paris im Exil lebenden Jungdeutschen Heinrich Heine und stand im Briefwechsel mit dem russischen Anarchisten Michail Bakunin. Karl Marx glaubte, sie auf seine Seite ziehen zu können – doch George Sand zeigte sich eher von den französischen Sozialutopisten beeinflusst. Die Herrin des Guts Nohant bewegte sich eine Zeitlang im Kielwasser von Pierre-Joseph Proudhon, der behauptete, Eigentum sei Diebstahl – für George Sand kein Widerspruch. So bemühte sie sich auf ihrem eigenen Gut und in ihrem Heimatdorf um verbesserte Lebensbedingungen der Bauern und Tagelöhner, half oftmals aus eigener Tasche unschuldig in Not geratenen Menschen und organisierte bei einer Typhusepidemie ärztliche und sanitäre Hilfe. Als "gute Dame von Nohant" wurde sie von manchen bespöttelt, von den meisten jedoch mit Hochachtung genannt.

Enttäuschung, Exkommunikation ...

Doch die Hoffnungen auf eine gerechtere Gesellschaft wurden in der Zweiten Republik von 1848 schnell enttäuscht. Die bürgerliche Klasse unterdrückte die sozialistischen Bewegungen mit Waffengewalt. Schließlich riss Louis-Napoléon Bonaparte in einem Staatsstreich die Macht an sich und ließ sich zunächst zum "Fürst-Präsidenten", später zum Kaiser ausrufen. Etliche sozialistische Freunde George Sands wurden verhaftet und in die Verbannung geschickt. George Sand zog sich enttäuscht nach Nohant zurück. Dort schrieb sie Romane und Theaterstücke, worin sie in verschlüsselter Form den operettenhaften Talmiglanz des Empire bespöttelte. Wegen ihrer zunehmend feindlichen Gesinnung gegen die päpstliche Kirche wurde sie 1863 exkommuniziert, ihr Werk auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Beides nahm sie mit Gleichgültigkeit hin. Ihr Ruf war inzwischen zur Legende geworden, und selbst Kaiser Napoleon III. konnte nicht umhin, ihren vielfältigen Bitten um Amnestie und Rehabilitation befreundeter Sozialisten, die im Gefängnis schmachteten oder sich im Exil befanden, stattzugeben.

Manche ihrer gesellschaftspolitischen Ideen mögen heute uneinlösbar, maßlos oder von der Geschichte überholt scheinen. Was, außer ihrem riesigen schriftstellerischen Werk, jedoch bleibt, ist das Lebensbild einer unbeugsamen Frau, die für ihre Überzeugungen viel gewagt und sich und der Umwelt viel abgefordert hat.

Zum Weiterlesen:
Armin Strohmeyr: George Sand. Eine Biografie
"Glauben Sie nicht zu sehr an mein satanisches Wesen"
Reclam Verlag Leipzig 2004 Verlagsinfo
240 S. 20 Abb. Geb., ISBN 3-379-00808-7
EUR (D) 19,90 / EUR (A) 20,50 / sFr 34,90

Über den Autor

Armin Strohmeyr, geboren 1966, lebt als Autor und Publizist in Berlin. Er veröffentlichte Biografien zu Klaus und Erika Mann und zu Annette Kolb.

(Wiedergabe in den Quickshots mit freundlicher Genehmigung von Armin Strohmeyr und Reclam Verlag. Copyright © Armin Strohmeyr 2004.)

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